Prolog zur Erinnerungsseite der Galerie Lietzow

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze;
Drum muss er geizen mit der Gegenwart,
Den Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen,
Muss seiner Mitwelt mächtig sich versichern
Und im Gefühl der Würdigsten und Besten
Ein lebend Denkmal sich erbaun...

Denn wer den Besten seiner Zeit genug
Getan, der hat gelebt für alle Zeiten.

(Schiller, Wallenstein)


Horst Hartmann – der Lebensgefährte des Kunstkritikers, Galeristen und Künstlers Godehard Lietzow, dessen geschäftlicher Partner und Hüter seines Nachlasses – lässt die Zeit der Galerie Lietzow – und damit rund über zwanzig Jahre, von 1970 bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Revue passieren.
Betrachten wir das, was Horst Hartmann zusammengestellt hat, lesen wir die Berichte und Kritiken der Zeitzeugen, blättern wir in den Katalogen der Galerie Lietzow, so geht es einem wie dem Theaterdirektor im Faust "Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert vom Zauberhauch der Euren Zug umwittert".
Die "Bilder froher Tage" belegen, welch geistiges Zentrum die Galerie Lietzow im "guten alten Westberlin" gewesen ist. Und es ist gut und richtig, dass die Weggefährten so in Erinnerungen blättern, die Jüngeren die Geschichte dieser Galerie nachlesen können.


Denn Schillers Klage im Prolog zum Wallenstein über die Flüchtigkeit der Kunst des Mimen gilt – bedenkt man es recht – in gleicher Weise dem Galeristen. So wie der Schauspieler im besten Fall unsterbliche, dem Menschheitsgedächtnis eingeschriebene Texte spricht, so wird der gute kluge engagierte Galerist die Werke seiner Künstler ans Licht bringen, einer Öffentlichkeit präsentieren, hinter dem Künstler und den Künstlern stehen und für ihn kämpfen. Ihm, dem Künstler mag der Galerist Dauer verleihen. Der Galerist ist die Hebamme dieser Künstler und Künstlerinnen, hilft und begleitet sie von den ersten Schritten bis zum selbstständigen erwachsenen, gefragten und gesammelten Künstler. Diesen flicht die Nachwelt sehr wohl die Kränze, während der Galerist "seiner Mitwelt mächtig sich versichern" muss, um bestehen zu können. Die Nachwelt wird die Künstler, die über die guten Galeristen zu den Sammlern gefunden haben, noch Jahrzehnte, im besten Fall Jahrhunderte kennen, - dem Galeristen ist das Los des Mimen beschieden: Beiden – den Mimen und den Galeristen -, flicht die Nachwelt keine Kränze"!



Als im Jahre 1970 die Galerie Lietzow ihre Pforten öffnete, geschah das im mauerumschlossenen Westberlin, in der Exklave der Bundesrepublik Deutschland, die man nur nach schrecklichen Demütigungsritualen auf den "Zonenautobahnen" oder mit dem Flugzeug erreichen konnte. Eine ganz andere Welt als die unserer Tage, da im wiedervereinigten Berlin rund tausend Galeristen ihre Künstler auf den Markt bringen, Sammlern anvertrauen wollen. Blickt man zurück auf die Jahre zwischen 1970 und 1990, so sind es wenige Galerien, die vorüberziehen: Bremer, Springer, Pels-Leusden, Poll und (für die Avantgarde) Skulima – und naturgemäß und in erster Linie Lietzow.

Diese Galerie hatte ein ureigenes, unverwechselbares Flair, eine geradezu ritualhafte Galeristentradition:

Da sind die Vernissagen, immer am Sonntagvormittag. Dort treffen auf die ausgestelltem Künstler und Kunstwerke die Kunstinteressierten aus der Stadt, aus allen Berufen, die Architekten und Anwälte, Museumsdirektoren und Politiker (einige wenige kunstengagierte Politiker gab es immer in dieser Stadt), die Künstlerkollegen, Schriftsteller und Bohémiens, die Professoren der HdK (wie sie damals noch so trefflich hieß), die Mitglieder der Akademie der Künste und nicht zuletzt die Sammler.


Und auch das war Tradition und Kennzeichen der Galerie Lietzow: dass sie ihren Künstlern Jahre- und jahrzehntelang die Treue gehalten, sie immer wieder ausgestellt haben.
Zunächst waren es Unbekannte, dann gab es den Wiedersehenseffekt, dann kamen die Sammler und die Kauflust. Niemals haben Lietzow und Hartmann dem Zeitgeist hinterher gehechelt – wie bekomme ich den neuesten Turner-Preisträger?, den teuersten lebenden Künstler?, den konsequentesten Tabubrecher in meine Galerie? – stets lag das Interesse der beiden Galeristen darin, Künstler zu begleiten, deren Entwicklung zu zeigen, sie ins Gedächtnis und in die Erinnerung der Galeriebesucher zurückzuholen: Vogelgesang, Dittberner, Köthe, Fussmann, Marwan, Fotis, Schmettau, Max Kaminski, Kürschner, - mit jedem dieser Namen verbindet der Besucher dieser Galerie sehr genaue Vorstellungen. Sie haben sich ins Gedächtnis eingeprägt, weil wir ihnen in der Knesebeckstraße immer wieder begegnet sind.


Wer außerhalb der Vernissagen, etwa beim Samstagsbummel, die Galerie besuchte, der fand in ihren beiden Besitzern Lietzow und Hartmann geduldige, kluge Gesprächspartner, die Zweifel duldeten, Positionen verteidigten und den Besuchern nie das Gefühl gaben, wenn sie ohne Kauf eines Werkes die Galerie verlassen haben, müssen sie dies mit schlechtem Gewissen tun. Das Gespräch, das Interesse, die Neugier, das Mitdenken war das bestechende und bezaubernde Prinzip, mit dem die Beiden ihre Galerie betrieben haben.

Heute lebt die Galerie Lietzow weiter in unserem Gedächtnis. Für die vielen Freunde, Sammler, Kunstneugierige über Jahrzehnte, die in dieser Galerie ein- und ausgingen, bleiben dankbare Erinnerung und an den eigenen Wänden Arbeiten, die aus dieser Galerie zu den Sammlern gewandert sind.

192 Ausstellungen in diesen 21 Jahren, 52 Kataloge, die vielen wunderbaren Künstlerplakate – die Filme belegen, was der Schlusssatz im Wallensteinprolog verkündet: "Ernst ist das Leben, heiter die Kunst."

Und bleiben wird im Gedächtnis derer, die es erlebt haben, die Galerie Lietzow in der Knesebeckstrasse, Godehard Lietzow und Horst Hartmann.
"Denn wer den Besten seiner Zeit genug getan/Der hat gelebt für alle Zeiten".

gez. Peter Raue